Rushooka
 
Geschichte der afrikanischen Provinz vom hl. Franziskus von Assisi


Das „Afrikaprojekt“ der Franziskaner hat bereits die erste Generation erlebt. Das ist Anlass, Erinnerungen zusammenzutragen, um sie an nächste Generationen weiterzugeben. Was vor 20 Jahren als Traum begann, wurde Wirklichkeit mit festen Strukturen. 


Die franziskanische Präsenz in Afrika begann nicht mit diesem Projekt: Schon 1219 erreichte Franziskus von Assisi Ägypten und begegnete dem muslimischen Sultan Malik al-Kamil. Dies war für Franziskus eine einzigartige Erfahrung. Sie zeigte ihm, wie seine Brüder sich „unten den Sarazenen und anderen Ungläubigen“ verhalten sollten. Zur selben Zeit brachen andere Brüder auf nach Marokko und erlitten dort 1220 das Martyrium. Weitere Minderbrüder folgten ihnen und errichteten eine fast kontinuierliche Präsenz bis in unsere Tage. Im 13. Jh. gingen Brüder auch nach Ägypten und Libyen. In der Neuzeit zogen Brüder verschiedener europäischer Nationen nach Afrika. Sie folgten Entdeckern neuer Länder oder Kolonialisten.


Portugiesische Brüder kamen Ende des 15. Jh. zum Kongo, nach Mozambique (um 1900) und Guinea Bissau (1932). Belgische Franziskaner ließen sich ab 1919 in Belgisch-Kongo nieder. Deutsche, englische und irische Minderbrüder begannen in der ersten Hälfte des 20. Jh. im Süden des Kontinents (Kokstad in Südafrika und Rhodesien, das heutige Zimbabwe) ihre Missionsarbeit. Italiener setzten die franziskanische Präsenz in Libyen fort, gingen später nach Somalia und Burundi. Franzosen erreichten 1956 Togo und die Elfenbeinküste und 1961 Madagaskar. Amerikanische Brüder verstärkten belgische Minderbrüder im Kongo-Zaire, und kroatische Franziskaner eröffneten 1970 eine Mission in der Gegend von Kivu.


Eine Auswertung dieser langen franziskanisch-missionarischen Präsenz in Afrika veranlasste Generalminister Br. John Vaughn und initiierte mit seinem Brief „Afrika ruft uns“ das Afrikaprojekt. Den ganzen Orden einladend, schrieb er: „Ein genauer Blick auf das, was diese Brüder leisteten, kann nur unsere Bewunderung für ihren Eifer und ihre Hingabe bestärken. Die meisten von ihnen blieben nur kleine Gruppen von Brüdern, oft weit verstreut und ohne viel Aussicht auf Erfolg. Viele von ihnen ließen sich in Küstenregionen oft mitten unter großen muslimischen Mehrheiten und ohne wirkliche Aussicht auf Bekehrungserfolge nieder, vom Aufbau lokaler franziskanischer Bruderschaften ganz zu schweigen. An bestimmten Orten mussten sie ihre Tätigkeit auf ausländische Staatsangehörige beschränken. Auch wenn die gesundheitlichen Verhältnisse mit Hilfe der modernen Medizin besser wurden, blieben die klimatischen Schwierigkeiten in manchen Gebieten beträchtlich. Bedeutsamer waren jedoch die spirituellen Schwierigkeiten, auf die sie trafen: die Begegnung mit dem Islam, sektiererische Einstellungen, die sich in den vielen unabhängigen Kirchen zeigten, eklektische Spielarten des Animismus, und auch große Schwierigkeiten mit den Orthodoxen Kirchen. Im kulturellen Bereich waren die Probleme zahlreich: Stammesdenken, Apartheid, die unzugänglichen Geheimnisse der afrikanischen Kultur, koloniale und antikoloniale Einstellungen, Erinnerungen an die Sklaverei, Ausbeutung durch die Reichen und so viele afrikanische Traditionen, die anscheinend im Widerspruch zur katholischen Tradition zu stehen scheinen.“


Man muss hinzuzufügen: Die Minderbrüder begannen die Mission „nach außen“ im modernen Sinn und initiierten eine Präsenz unter Muslimen. Sie folgten den Forschern, benutzten die Handelswege der Zeit und begegneten den Einheimischen. Soweit es ging, verkündeten sie die Frohe Botschaft Jesu Christi, boten den armen Ländern Entwicklungshilfe an und errichteten die katholische Kirche. Die Franziskaner folgten den „Missions-Modellen“ ihrer Zeit.


Doch all dies führte nicht zu einer stabilen Präsenz des Ordens in Afrika. Die Idee, junge Afrikaner zum franziskanischen Leben zu führen, war noch nicht reif. Der Orden war in weiten Teilen Afrikas, besonders in englisch sprechenden Ländern, nicht präsent. Die „fehlende Präsenz“ hatte zur Folge die „fehlende Rückgabe“ des afrikanischen Beitrags zur Bereicherung des franziskanischen Charismas.


Diese neue Sensibilität wurde durch die missionarische Erneuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils (Dekret „Ad Gentes“) angeregt. Sie fand ein bedeutendes und erneuerndes Echo in der Reflexion zur franziskanischen Mission auf dem Generalkapitel in Medellín 1971.

1980 begannen mehrere Initiativen zur Vorbereitung der 800. Geburtstags-Feier des hl. Franziskus (1981/82).  Unter ihnen sei besonders erwähnt der historische Kongress in Rom 1980. Auf ihm wurde der missionarische Auftrag neu entdeckt und ein Missions-Rat als „Organ internationaler Kompetenz“ am 31. Januar 1981 eingerichtet. Wenige Tage später trafen sich vom 3. -12. Februar Brüder aus sieben afrikanischen Ländern und 15 franziskanischen Entitäten zum ersten Mal in Salisbury (Zimbabwe): Sie baten um Hilfe und machten Vorschläge zur Einpflanzung des Ordens in Afrika.

In den folgende Monaten besuchten Anselm Moons, Generaldefinitor, und Mel Brady, Generalsekretär für die Missionen, Nigeria, Sierra Leone und die Elfenbeinküste, um Möglichkeiten der Ausweitung franziskanischer Präsenz in Afrika zu erkunden. Nach ihrer Reise wurde dem Generaldefinitorium und dem Orden ein besonderes Projekt für Afrika vorgestellt. Dies geschah am 25. Juni 1981 durch Br. Anselm Moons.

 

Das erste Afrikaprojekt


Hinsichtlich der Neuigkeit dieses Projektes ist es interessant, den gesamten Text der Projekt-Beschreibung zu lesen.

Hauptziel: eine neue Präsenz unseres Ordens in Zentralafrika.

Motive:

Der Schwerpunkt der Kirche bewegt sich ständig auf die Länder der Dritten Welt. Auch Afrika verspricht, ein wichtiger Teil der Kirche zu werden. In den Ländern Zentralafrikas sind wir nur in Zaire anwesend.


Wir glauben: Unser Orden kann mit der Spiritualität des hl. Franziskus von Assisi der afrikanischen Ortskirche etwas anbieten.


Andererseits glauben wir: Auch die afrikanische Kirche kann unseren Orden bereichern mit neuen Interpretationen grundlegender franziskanischer Ideale wie Brüderlichkeit, Armut, Frieden, Gastfreundschaft, Freude, Gebet, Liturgie, Einfachheit und Familiengeist.


Die 800-Jahr-Feier der Geburt des hl. Franziskus bietet Gelegenheit, den Orden mit einem Projekt anzuregen, das nach Normen der Vernunft nur schwer realisierbar erscheint, das aber dem ganzen Orden neue Lebenskraft geben kann.


Welche Länder?


In Ostafrika gibt es Möglichkeiten in Kenia, Uganda, Tansania, Ruanda, Sambia, Malawi; in Südwestafrika in Angola; in Westafrika in Nigeria, Obervolta und Liberia.


Brief des Generalministers


Die Antwort des Ordens auf das Projekt wird abhängen von der Art der Einladung, die der Generalminister den Brüdern schicken wird. Ein kraftvoller und überzeugender Aufruf muss den Willen der Ordensleitung, das Projekt zum Erfolg führen zu wollen, begleiten.


Fehlendes Personal, um die Aktivitäten der Provinzen aufrecht zu erhalten, darf keine Entschuldigung sein. Der Brief des Generalministers muss konkrete Informationen zum Projekt enthalten, so dass die Kandidaten wissen, was sie erwartet. Der Brief muss ferner all das würdigen, was die Brüder in der Vergangenheit in Afrika geleistet haben und gegenwärtig noch tun. Er muss darauf hinweisen, dass eine hochherzige Antwort auf den Appell des Generalministers auch den bestehenden Fraternitäten in Afrika hilft, da auch sie Verstärkung brauchen.

Der Generalminister muss darauf bestehen, dass größere Provinzen wenigstens zwei und kleinere wenigstens einen Bruder zur Verfügung stellen. Die Provinziäle sollen die Brüder ermutigen, sich zu melden ohne ihnen Hindernisse in den Weg zu stellen. Nur wenn die Provinzen Opfer bringen, werden sie neue Vitalität erreichen. Auf den Aufruf sollten sich wenigsten 100 Brüder melden, aus denen eine endgültige Auswahl getroffen werden kann.


Die erste Dreijahresperiode (1983 -1986)


Das neu gegründete Vikariat begann mit fünf Fraternitäten: Die verantwortlichen Brüder waren André Comtois für die Fraternität in Malawi, Gregory Tajchman für Nigeria, Giacomo Bini für Ruanda, Paschal Gallagher für Tansania, Heinrich Gockel für Kenia und als Ökonom des Vikariats. Das Vikariat zählte anfangs 31 Brüder aus 21 Entitäten des Ordens.


Die erste Ratssitzung des Vikariats, unter Teilnahme des Generaldefinitors Br. Anselm Moons, fand statt in Nairobi vom 3. - 12. September 1983. Tagungspunkte waren: Verstärkung einiger Fraternitäten, Ausdehnung des Projektes nach Französisch sprechende Länder Westafrikas, Suche, Vorbereitung und Aufnahme weiterer freiwilliger Brüder, Aufnahmebedingungen für einheimische Ordenskandidaten; Br. Josep M. Massana wurde Beauftragter für die Anfangsausbildung im Vikariat; entschieden wurde auch, in Erwartung neuer Brüder, eine oder zwei

Fraternitäten in Uganda zu gründen.

Ein weiteres Ratstreffen des Vikariats fand im März 1984 in Malawi statt. In seinem ersten Jahresbricht signalisiert Br. Gualberto Gismondi Schwierigkeiten seitens der Ortskirchen, das Leben der Brüder zu verstehen: „Einfacher Lebensstil, Brüderlichkeit, Evangelische Armut sind Werte, die die Jungen Kirchen, in denen wir arbeiten wollen, noch lernen müssen“.  Diese Werte rufen manchmal Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse hervor; Bischöfe beharren - als fast einziges Model pastoraler Arbeit - auf Übernahme von Pfarreien; ferner wird die Schwierigkeit der Brüder erwähnt, Lokalsprachen zu erlernen und als Folge mangelnder Kontakt mit der Bevölkerung. 


Das Vikariat versuchte, zum Aufbau der neuen Entität erste notwendige Satzungen zu erstellen, nahm Kontakt auf mit bereits bestehenden Franziskanischen Gemeinschaften in Afrika, arbeitete weiter an der Aufgabe, den Orden für das „Afrikaprojekt“ zu sensibilisieren und suchte Wege, neu ankommende Brüder auf ihren Einsatz vorzubereiten. Anfangsschwierigkeiten fehlten gewiss nicht, aber es gab auch Positives, nämlich das Gelingen inter-provinzieller Bruderschaften, was anfangs als äußerst schwierig angesehen wurde. 


Im Bericht des Vikars Br. G. Gismondi heißt es: “Der interprovinzielle Charakter der Gemeinschaften bereitete nicht nur Probleme, sondern zeigte – nach allgemeiner Ansicht – auch einen unersetzbaren Wert für das Projekt und bot Gelegenheit, ein prophetisches Zeichens zu setzen angesichts der Spannungen zwischen Stämmen und Nationen auf dem Kontinent.“

Seinen Bericht schließend betont er: „Die Erfahrungen des ersten Jahres erlauben, mit Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft zu blicken, mutig und beständig den missionarischen Auftrag zu erneuern durch das Festhalten an den Idealen des Afrikaprojekts“.


Der zweite panafrikanische Kongress fand statt vom 3. – 17. Mai 1987 in Rom. Ziele waren: Ideen- und Erfahrungsaustausch für bessere zukünftige Zusammenarbeit; wichtige Themen: Ausbildung afrikanischer Brüder, Probleme der Inkulturation und mögliche Antworten auf materielle Nöte der Ortskirchen. In einer anschließenden Sitzung des Generaldefinitoriums schlug Gismondi – unter Zustimmung der Anwesenden – vor: das Afrikaprojekt auf den ganzen Kontinent auszuweiten. Die Aufnahme Madagaskars - eine Mission französischer Brüder - wurde vorbereitet.


Nach einem Jahr Afrikaprojekt stellte Br. G. Gismondi erneut die Anliegen des Briefes „Afrika ruft uns“ heraus. Als ständige Orientierung sollten folgende Leitlinien dem Wachsen des Vikariats dienen: Vorrang der Bruderschaft vor aller Arbeit, „Einpflanzung des Ordens“ in Afrika, Präsenz unter Armen und Unterdrückten, Errichtung einfacher und flexibler Strukturen und Zusammenarbeit mit der Ortskirche.


Das Zweite Vorbereitungsseminar für Brüder, die sich fürs Afrikaprojekt gemeldet hatten, fand vom 15. – 30. Oktober in Rom statt. Im gleichen Monat tagte auch der Pan-Afrika-Kongress, der das Generaldefinitorium bat,  „die Strukturen des Ordens in Afrika zu überarbeiten.“

Das Vikariat erlebte die Ankunft neuer Missionare.  Somit  konnten in  Kenia, Uganda, Ruanda, Tansania und Malawi je eine zweite Fraternität eröffnet werden, obgleich einige Brüder aus verschiedensten Gründern in ihre Ursprungsländer wieder zurückgekehrt waren. Mit der Ankunft erster einheimischer Ordenskandidaten und dem Beginn der Konsolidierung der wichtigsten Strukturen breiteten sich während der ersten Jahre die Fraternitäten rasch aus. Eine wichtige Ermutigung war der Besuch des Generalministers John Vaughn in Afrika vom 4. – 28. April 1985. 

 

Sein Besuch wurde als „Ermutigung empfunden, dem Geist und den Idealen des Afrikaprojekts treu zu bleiben, ferner als Einladung mit Gottes Augen die Menschen zu sehen, auf die zu viele mit Eigeninteresse, Habgier und Macht blicken.“ Er dankte Gott für die anwesenden jungen afrikanischen Kandidaten, für die franziskanischen Fraternitäten in Malawi, Kenia, Ruanda, Uganda und Tansania. Rückblickend auf die Anfänge  schrieb G. Gismondi: „Ein kühner Traum ist Wirklichkeit geworden; die Realisierung des Projekts war eine große Herausforderung und eine prophetische Vision für Orden und Kirche. Beiden dankend, haben wir den Enthusiasmus unserer Ursprünge neu erlebt.“


Weitere Schritte der Entwicklung des Vikariats waren: die Ankunft einiger Laien-Missionare, Bestätigung der ersten Vikariats-Statuten, Versuch, finanzielle Unterstützung durch „Kontakt-Brüder“ zu finden, Aufstockung der Definitoren von vier auf fünf Mitglieder und Ernennung des ersten Generalvisitators Br. Sylvère Leblanc aus der Provinz des hl. Joseph in Kanada.


Die erste kanonische Visitation fand statt im Januar und Februar 1986; gleich anschließend folgte das Kapitel des Vikariats im „Amani-Centre“ der Benediktiner in Nairobi. Als neue Obere wurden gewählt: Paul J. Osborne (Vikar), Giacomo Bini (Stellvertreter), Ratsmitglieder: Augustin Paré (Madagaskar), Claus Scheifele (Uganda), Finian Riley (Kenia), Roy Corrigan (Tansania) und Columbano Arellano (Malawi).


Bilanz und Schwierigkeiten


Beim Kapitel 1986 zählte das Vikariat 66 Brüder: 50 mit Ewiger Profess, vier mit Zeitlicher Profess und 12 Novizen. Außerdem gab es 29 Postulanten und 100 Aspiranten. Die Tätigkeiten der Brüder umfassten: Ausbildung, Verwaltung, Jugend- und Pfarrarbeit, Seelsorge für die Franziskanische Familie, Katechese, Unterricht, Exerzitien und Pastoral für straffällig gewordene Jugendliche.


Von den ersten Missionaren hatten elf das Vikariat wieder verlassen entweder aus Gesundheitsgründen oder wegen Anpassungsschwierigkeiten; es gab nur sieben Neuankömmlinge. Die Brüder arbeiteten bereits in Kenia, Ruanda, Uganda, Tansania, Malawi und Madagaskar. Das Kapitel entschied die neue Bezeichnung: „Vikariat des hl. Franziskus in Afrika und Madagaskar“. Trotz Anfangsschwierigkeiten hatte das Afrikaprojekt in nur drei Jahren gute Fortschritte erzielt. Die Brüder konnten dazu beitragen, das Missionars-Image in einigen Regionen Afrikas zu verändern.


Größere Schwierigkeiten, laut des Berichts des Visitators, bezogen sich vor allem aufs Personal. Es fehlten Brüder in allen Bereichen, besonders in der Ausbildung, die als Priorität des Vikariats galt. Seelsorgliche Dienste wurden ständig auch von Franziskanerinnen und Klarissen erbeten. Es wurde deswegen entschieden, keine neuen Fraternitäten zu gründen (ausgenommen das Inter-franziskanische Philosophikum in Lusaka, Sambia), sich zu beteiligen bei der Suche nach neuen Brüdern für das Afrikaprojekt, den Wunsch des Generalkapitels von 1985 unterstützend, damit das missionarische Projekt in folgenden Jahren Priorität des Ordens werden sollte.


Es war nicht einfach, die Priorität der Fraternität zu sichern. Wunsch des Kapitels war es: Jede Gemeinschaft sollte zukünftig wenigsten vier Brüder zählen, selbst wenn es galt, die Anzahl der Fraternitäten zu reduzieren. Außerdem war es für die Brüdern schwierig, sich gegenseitig kennen zu lernen wegen der ausgedehnten Provinz über sechs (!) Staaten, wegen langer und teurer Reisen, manchmal auch wegen Sprachschwierigkeiten, denn offiziell war das Vikariat zweisprachig (Englisch und Französisch). Um ein Minimum an Einheit, franziskanischer Solidarität und Zugehörigkeitsbewußtsein zu schaffen, schlug das Kapitel vor: regelmäßige Besuche der Brüder durch den Vikar, Feier eines Mattenkapitels vor dem ordentlichen Kapitel, Veröffentlichung eines Bulletins und Durchführung gelegentlicher „Regionalkapitel“.


Die größte Schwierigkeit vielleicht, die nicht in öffentlichen Dokumenten erscheint, die aber allen, die nur wenige Jahre am Afrikaprojekt beteiligt waren, wohl bekannt ist und die in persönlichen Briefen Ausdruck fand, war das Fehlen einer gemeinsamen Grundorientierung, ein gemeinsamer Stil franziskanischen Lebens, der mit der afrikanischen Realität und dem Geist des Afrikaprojekts korrespondierte und der von allen Brüdern des Vikariats angenommen werden konnte. Ein Missionar der ersten Stunde stellte fest: „Bereits in Rom während der Vorbereitung wurde viel Zeit auf den sicherlich hilfreichen kulturell-wissenschaftlichen Aspekt verwandt, jedoch nur wenig auf den spirituellen und die wesentliche Assimilation der Ideale des Afrikaprojekts“. Nach ihrer Ankunft in Afrika fanden die Brüder, aus unterschiedlichen Kulturen und Ausbildungsgängen kommend, keine gemeinsame Linie.   


Dies bestätigten zwei Tendenzen, eine mehr fordernd und radikal, die die Nähe zu afrikanischen Menschen, deren Lebens- und Wohnstil wählten, und die andere, die glaubte - im Gegensatz dazu – auch Mittel westlicher Zivilisation nutzen zu müssen für die Fraternität und zur sozial-wirtschaftlichen Förderung der Region. Diese beiden Richtungen waren gleichsam „zwei Seelen“, die das Afrikaprojekt bis in die Gegenwart tief prägten.


Die zweite Dreijahresperiode (1986 -1989)


Auf Initiative des Generaldefinitoriums traf sich eine spezielle „Arbeitsgruppe für Afrika“ vom 26. – 31. Mai 1986 in der Generalkurie. Sie präsentierte ein Dokument, das vom Definitorium mit einigen Änderungen angenommen wurde. Es beinhaltete folgende Anliegen: Ausweitung des Afrikaprojekts auf ganz Afrika, Ernennung dreier General-Delegaten (für Nordafrika und die arabischen Länder, für Westafrika, Mozambique und Zimbabwe), erneuter Apell des Generalminister („Afrika ruft uns“) an den Gesamtorden, Notwendigkeit geeigneter Vorbereitung neuer Freiwilliger und schließlich die Begünstigung eines Zentrums für Franziskanische Studien zur  Ausbildung aller Brüder.


Ziel der Arbeitsgruppe war es, Zusammenarbeit mit anderen Franziskanischen Entitäten in Afrika, einschließlich des Vikariats in Nairobi, herzustellen. Der neue Vikar, Br. Paul Osborne, hatte den Eindruck, dass man das Afrikaprojekt überschätzte, es höher bewertete wegen des Lebensstils und  „besonderen Status“ als andere Provinzen. Dies verursache mehr Spannungen als dass es Zusammenarbeit und Integration fördere. Br. Osborne glaubte deswegen, dass es wichtiger sei Personal, Hilfsmittel, Ausbildungsprogramme und Projekte mit anderen Entitäten zu teilen.


Die neue Provinzleitung entschied - im Glauben, es sei nötig, um das Vikariat Fortschritte machen zu lassen - während der Ratssitzung vom 16. – 18. August 1986 in Nairobi die Abfassung eines Briefes an alle Brüder. Das Council unterzeichnete einen Brief und schickte ihn an alle Fraternitäten, Direktiven gebend über den individuellen und gemeinschaftlichen Gebrauch von Geld, „um  unsre Identifikation mit den Gütern dieser Welt zu vermeiden und zurückzuweisen“, um „die Würde der Menschen zu respektieren“, die von uns Hilfe erwarten, und ferner „um nicht den einheimischen Klerus zu verletzen“, dem nicht die gleichen Mittel wie den Missionaren zur Verfügung stehen. - In der Zwischenzeit kamen weitere elf Missionare an, aber das Vikariat benötigte wenigstens 16 neue Brüder.  


In einer außerordentlichen Sitzung vom 22. – 29. September 1986 diskutierte das Generaldefinitorium ein Papier, vorgelegt von Br. Gismondi, über „bereits Erreichtes” und „noch Ausstehendes“ und entschied folgendes: „Das Generaldefinitorium billigt und unterstützt die Gründung eines Franziskanischen Instituts für Afrika und beauftragt den Generaldefinitor für Afrika, unterstützt von den kompetenten Büros und Sekretariaten des Ordens, geeignete Modalitäten zu studieren, Projekte zur Vorbereitung und Vorschläge dem Generaldefinitorium zur Begutachtung vorzulegen“.  


Mit Inkrafttreten der neuen Generalkonstitutionen von 1987 wurde das Vikariat, das zwischenzeitlich besonders durch den Eintritt neuer afrikanischer Brüder gewachsen war, zur „Vizeprovinz vom hl. Franziskus in Afrika und Madagaskar“ umbenannt. 


Am sechsten Jahrestag des ersten Aufrufs zum Afrikaprojekt schickte Generalminister Br. John Vaughn einen zweiten Brief an den Orden, eine Reihe Vorschläge der „Afrika-Arbeitsgruppe“ aufgreifend. Er wollte damit den Geist und besondere Charakteristika  des Afrikaprojektes erneut vorstellen, es auf den gesamten Kontinent ausweiten und nochmals an die Großzügigkeit der Provinzen appellieren. Br. Vaughn erinnerte  an die franziskanische Präsenz in Afrika, betonte den Wert  von Interprovinzialität und Internationalität, die den Austausch zwischen verschiedenen franziskanischen Werten und Traditionen begünstigen und Inkulturation ermöglichen, ferner unterstrich er die Bedeutung der Bruderschaft als „eine der wichtigsten Erfahrungen“, in denen Brüder-Missionare und Afrikaner ihre Werte und Nöte teilen können (Nr. 3-4). Das sei der Grund für die Ausweitung des „Projekts“ auf den gesamten Kontinent.


„Das Afrikaprojekt begrenzt seine Aufmerksamkeit und Unterstützung nicht nur auf die Vizeprovinz vom hl. Franziskus in Ostafrika und Madagaskar, sondern weitet sie aus auf alle Brüder und Entitäten in Afrika“ (Nr. 6). In der Tat haben „seit Jahren viele Länder dringend um unsre Präsenz gebeten“. Der Generalminister lud die afrikanischen Entitäten ein, „mutige Initiativen zu beginnen, um eine neue Präsenz in den von uns hingewiesenen Ländern“ zu ermöglichen (Nr. 18). Sicherlich fehlte es nicht an Herausforderungen. Es gab „Schwierigkeiten mit Gesundheit und Inkulturation, beim  Erlernen neuer Sprachen, es fehlte manchmal ein konstruktives Sich-Einbringen in die Fraternitäten und in die Pastoral, das Akzeptieren eines anderen Lebensstils. Internationalität und Inter-Provinzialität sind eine ständige Herausforderung und Aufgabe“ (Nr. 10). Aber das Endergebnis der ersten sechs Jahre war „alles in allem positiv“ (Nr. 9). Eine neue missionarische Verpflichtung des gesamten Ordens (vonseiten alter und neuer Provinzen, der Delegierten für Afrika und des Generaldefinitoriums) würde der franziskanischen Präsenz in Afrika Kraft verleihen.


Das Generaldefinitorium setzte seine Unterstützung des Afrikaprojekts mit neuen Initiativen fort: Nach dem Brief des Generalministers wurde der „Rat für Afrika“ eingesetzt als „beratendes Organ für Studium, Information und als Instrument, die Einheit der verschiedenen Entitäten in Afrika zu fördern“. Im folgenden Monat (Februar 1988) wurde entschieden, zwei Konferenzen für Afrika einzurichten: Subsahara-Afrika und Nordafrika/ Mittlerer Osten.  Beide wurden im November desselben Jahres organisiert.


Von Januar bis März 1988 visitierte Provinzial Paul Osborne die Fraternitäten der Vizeprovinz. Zum Abschluss sandte er dem Generalminister seinen Bericht, in dem er einerseits zahlreiche positive Aspekte der Fraternitäten unterstrich wie guter missionarischer Geist, Interesse an Inkulturation und am franziskanischen Charisma, seelsorglicher Eifer und einfacher Lebensstil; andererseits verschwieg er nicht bestehende Schwierigkeiten wie mangelnde Kommunikation zwischen den Fraternitäten, gewissen Individualismus hinsichtlich Ideen und Arbeit, unterschiedliches Verständnis des Geistes des Afrikaprojekts aufseiten der zuletzt angekommenen Brüder, ferner die Notwendigkeit weitere Brüder, besonders für die Ausbildung.


Die Schwierigkeit der Zweisprachigkeit in der Vizeprovinz, die unterschiedlichen Situationen und Probleme der sieben Länder, aus denen sich die Vizeprovinz zusammensetzte, veranlasste Br. Osborne zur Frage, ob es  nicht besser sei eine Föderation zu haben anstelle einer Vizeprovinz. Im folgenden Jahr machte Generalvisitator Br. Clarence Laplante, Kanadier, dieselbe Feststellung und fügte hinzu, dass die Kandidaten sich beschwerten, da sie eine zu große Unsicherheit in den Ausbildungsprogrammen sahen und sich manchmal nicht verstanden fühlten. Das Generaldefinitorium schlug daraufhin vor, die Vizeprovinz selbst solle Umstrukturierung, Erneuerung und Organisation des Ausbildungsprogramms vornehmen.   


Im Wahlkapitel 1989 wurde Br. Paul Osborne für weitere drei Jahre als Provinzial gewählt und die Brüder Giacomo Bini (Vikar), Tomo Andic, Columbano Arellano, Francisco Oliveira, Augustin Pare und Pero Vrebac als Ratsmitglieder.


Die dritte Dreijahresperiode (1989-1992)

Im folgenden September lud der Generalminister die Brüder der Vizeprovinz ein, die zwei Hauptprobleme der Umstrukturierung der Vizeprovinz und des Ausbildungsprogramms zu diskutieren und Vorschläge zu unterbreiten. Die von Br. Paul Osborne gesammelten und zusammengefassten Antworten wurden am 8. Dezember desselben Jahres nach Rom weitergeleitet. Die Vorschläge bezüglich der Umstrukturierung waren sehr unterschiedlich: Das Provinz-Definitorium meinte, die Zeit einer Trennung der Vizeprovinz sei nicht reif wegen der geringen Anzahl von Brüdern mit Feierlicher Profess und die Trennung schaffe mehr Probleme.


Es wurde stattdessen vorgeschlagen, Madagaskar als Fundation mit eigenen Statuten zu errichten. Hinsichtlich der Ausbildung bemerkten die Brüder mangelnde Kriterien bei der Kandidatenauswahl, fehlende Grundausbildung unter den Jugendlichen und unzureichende Ausbildung der Ausbilder und schlugen vor, die Noviziatshäuser zu konzentrieren. Das Definitorium bestand darauf, neue Ausbilder zu gewinnen.


Br. John Vaughn würdigte die Überlegungen und sah sie als gute erste Schritte; er anerkannte die Idee, Madagaskar als Fundation der Vizeprovinz zu errichten und bat um Verbesserung der Kommunikation und Kollaboration zwischen den englisch und französisch sprechenden Regionen der Vizeprovinz.


Der Generalminister unternahm seinen zweiten Besuch im Afrikaprojekt: Er traf Brüder, Klarissen und Laienmissionare in Kivumu und Byumba (Ruanda), Kashekuro und Kakoba (Uganda), Nairobi, Bahati, Nakuru und Subukia (Kenia), Antananarivo und Soavantanina in Antsirabé (Madagaskar). Bei dieser Gelegenheit stellte Br. John Vaughn fest: „Das Afrikaprojekt hat dem Orden ein neues Herz und neuen Enthusiasmus gegeben“.


Einige Monate früher (1989) hatte sich die von der Genua-Provinz begonnene Missionsstation in Burundi der Vizeprovinz angeschlossen und mit der Provinz von Lyon wurde ein Kooperationsvertrag unterzeichnet über die franziskanische Präsenz auf Mauritius. Madagaskar wurde eine Fundation der Vizeprovinz mit eigenen Statuten. Die Zahl der Missionare blieb konstant bei 50, während die Zahl junger einheimischer Brüder mit Profess wuchs. In Livingstone (heute: Lusaka) in Sambia wurde gemeinsam mit Konventualen und Kapuzinern das neue „St. Bonaventura-Ausbildungszentrum“ gebaut, das am 21. Juni 1992 eröffnet werden sollte. Die Ausbildung der Kandidaten - stets eine Priorität des Afrikaprojekts - wurde fortgesetzt mit den immer gleichen Sorgen und Problemen in zwei Häusern für Aspiranten, mit sieben Postulaten (einer aus jedem Land), zwei Noviziaten und drei Häusern für die Ausbildung Zeitlicher Professen.


In der nächsten kanonischen Visitation stellte Provinzial Paul Osborne mit gewisser Zufriedenheit fest: Das Gebetsleben in den Fraternitäten ist „verhältnismäßig gut“, die Brüder sind stets auf der Suche nach einem einfachen Lebensstil, ihr Eifer und ihre Opferbereitschaft sind lobenswert, die Ausbildungs-Programme verbessern sich, auch die Qualität der Kandidaten. Jedoch sei das Leben in den Fraternitäten wie auch die Durchführung der Hauskapitel stets schwach; der Enthusiasmus für Inkulturation verschwände unter den neuen Missionaren und es sei fast immer schwierig, Brüder in andere Fraternitäten zu versetzen, wahrscheinlich auch wegen der Sprachenvielfalt. Aber vor allem hätte die Vizeprovinz es noch nicht geschafft, eine einheitliche Vision des franziskanischen Lebens und der Mission in Afrika zu finden: Dies bedürfe einer neuen Dynamik und einer neuen, entschiedenen Anleitung.


Der Generalminister bemerkte gegenüber Br. Osborne, dass die Vizeprovinz vielleicht ihre Kräfte verzettelt und es besser sei, einige Ausbildungshäuser zusammenzulegen, besonders die Noviziate. Hinsichtlich des Personalmangels erinnerte er, dass in den letzten fünf Jahren 27 neue Brüder der Vizeprovinz zugeteilt worden seien, dass aber immer wieder Brüder schnell in ihre Heimatprovinzen zurückkehrten. Warum? Die Antwort des Provinzials: Vielen fehlte eine solide Vorbereitung oder die nötige Motivation. Die Notwendigkeit, neue Missionare gut vorzubereiten, entstand, aber man wusste nicht wie es zu verwirklichen sei.


In der Zwischenzeit hatte das Generaldefinitorium Br. Liam Slattery von Südafrika als Haupt-Generalvisitator und als Assistenten Br. Matthiue Beraud, ein französischer Missionar aus Togo, für den französisch sprechenden Teil der Vizeprovinz ernannt. Das Kapitel 1992 wählte eine neue Provinzleitung: Br. Giacomo Bini (Provinzial), Br. Joseph Ehrhardt (Vikar), die Brüder Heinrich Gockel, John Haring, Nicodeme Kibuzehose, Christopher Rickman und Lanfranco Tabarelli (Definitoren). Während des Generalkapitels 1991 waren alle „Vizeprovinzen“ den „Provinzen“ gleichgestellt worden. Deswegen wurde die neue Provinzleitung für sechs Jahre gewählt, und nicht nur für drei Jahre, aber das nächste Provinzkapitel, geplant für Januar/Februar 1998, wurde um sechs Monate vorverlegt und im Juli 1997 gefeiert.


Die vierte Dreijahresperiode (1992-1995)


Die erwähnten Probleme berücksichtigend, verlegte die neue Provinzleitung das Noviziat von Bahati (Kenia) nach Mbarara (Uganda), das bereits als einziges Noviziat für alle ostafrikanischen Länder der Vizeprovinz angesehen wurde, während die Fundation in Madagaskar ihr eigenes Noviziat fortsetzte.


Im Mai 1992 wurde das Sekretariat für Ausbildung und Studien der Subsahara-Konferenz eingerichtet.  Die Mitglieder trafen sich zum ersten Mal vom 19. – 24. April 1993 in Lusaka: Ein unerwarteter Reichtum im Feld der Ausbildung in Afrika wurde entdeckt. Koordination und Reflexion führten zu weiteren Kongressen in Nairobi (1995) zum Thema: “Franziskanische Werte und afrikanische Kulturen“ und in Lusaka (1999), wo „Die Ausbildung der Franziskaner mit Einfacher Profess in Afrika und Madagaskar“ diskutiert wurde.


Die Veröffentlichung des Ordensdokuments “Ratio Formationis Franciscanae” (1991) veranlasste eine Revision der  Grundausbildung in der Vizeprovinz. So wurde 1992 der Ausbildungsrahmen für die Vizeprovinz erstellt, in dem afrikanische Werte im Kontext franziskanischer Werte und die Verpflichtung zur internationalen und interkulturellen Bruderschaft betont wurden.


Das nächste Jahr wurde das 10. Jahr seit Beginn des Afrikaprojekts (1983-1993) mit einem Mattenkapitel vom 3. – 8. August gefeiert: 57 Brüder (Missionare, Brüder aus Afrika und Madagaskar) und der Generalminister Br. Hermann Schalück aus Rom fanden sich dazu in Nairobi ein. Nach zehn Jahren zählte die Vizeprovinz 53 Brüder mit  Feierlicher Profess aus fünf Kontinenten und 15 Nationen, 23 Brüder mit Einfacher Profess, elf Novizen und 15 Postulanten. 14 der 16 Fraternitäten befassten sich mit der  Ausbildung junger Brüder, ein deutlicher Hinweis, dass die „Einpflanzung des Ordens“ Priorität besaß.


Während des Mattenkapitels wurden die charakteristischsten Aspekte der ersten Jahre erneut bedacht: Fortschritte in der Ausbildung, Wege der Evangelisierung, Erfahrungen der jungen einheimischen Brüder aus jedem Land der Vizeprovinz. Hauptintention war, die Einheit zu stärken unter Brüdern aus so verschiedenen Regionen, Kulturen und Sprachen. 


Das Kapitel hielt auch Ausblick, um die Zukunft zu planen und zu wissen, wie den Herausforderungen von Mission und neuer Evangelisierung in Afrika und Madagaskar zu begegnen sei. Der Generalminister erinnerte an einige fundamentale Elemente franziskanischer Mission, wie den Primat der Person über die Arbeit, die Wichtigkeit der Lebensqualität jedes einzelnen und betonte, dass der gesamte Orden die Entwicklung des Afrikaprojekts mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgen müsse. Nach dem Kapitel besuchte Br. Hermann Schalück die Fraternitäten und Klarissen in Mbarara, Uganda.


Während der Zeit großer Einheit und Hoffnung auf die Zukunft,

während der Feiern zweier Bischofssynoden über Afrika und über das geweihte Leben und seine Sendung in Kirche und Welt brach der tragische Genozid in Ruanda (April bis Juli 1994) aus, der die ganze Vizeprovinz  erschütterte. Alle Brüder erlebten ihre Ohnmacht angesichts der unaufhaltbaren Welle von Hass und Massenmorden. Nur mit Gottes Hilfe überlebten die ruandesischen Brüder beider Ethnien. Jedoch fiel Br. Georges Gashugi der blinden und ungerechten Gewalt zum Opfer als erster franziskanischer Märtyrer Ruandas, gefolgt vier Jahre später vom ermordeten Br. Vjeko Curic, einem Märtyrer der Solidarität und Versöhnung, der sich während des Genozids und nachher unerschrocken, ohne sich selbst zu schonen, für Versöhnung eingesetzt hatte.


Eine neue, spezifische Aufgabe stellte sich der Vizeprovinz nach diesem Völkermord: die Heilung innerer Wunden so vieler verfolgter oder Zuflucht suchender Menschen, wie auch der afrikanischen Brüder. Es ging um Versöhnung auf allen Ebenen und mit allen Mitteln. Von diesem Moment an hieß die franziskanische Mission in Ruanda „Versöhnung“.


Weitere Entwicklungen


Die weitere Entwicklung des Afrikaprojekts ist Teil der Chronik, die unsere Leser wahrscheinlich kennen. Wir  beschränken uns auf einige der wichtigsten Ereignisse: Br. Giacomo Bini - bereits in den letzten Monaten seiner Amtszeit - wurde während des Generalkapitels (Mai 1997) zum Generalminister gewählt. Angeregt durch persönliche Erfahrung, wünschte er eine internationale Fraternität zur Vorbereitung neuer Missionare, besonders für Afrika, aber auch für Projekte des Ordens in Asien. Im Jahr 2000 wurde diese Gemeinschaft in Brüssel eröffnet.


In der Zwischenzeit versuchte die Vizeprovinz die franziskanische Präsenz in Ruanda wieder aufzubauen und die Brüder zu einer möglichst einheitlichen  Linie zu ermutigen. Diese Aufgabe war ein wichtiges Anliegen während der Überlegungen im Provinzkapitel 1997, als die Brüder sich bemühten, erneut den Geist des Afrikaprojekts zu verlebendigen.  


Im selben Kapitel wurde Br. Jacques St-Yves, Kanadier und früher langjähriger Missionar in Peru, zum  Provinzialminister (1997-2004) gewählt. Er kam 1988 in die Vizeprovinz, wirkte zunächst auf Mauritius und später in Madagaskar. Auf diesem Kapitel erhielt die Vizeprovinz den Titel „Vizeprovinz des hl. Franziskus in Afrika, Madagaskar und Mauritius“ und umfasste neun Länder. 2004 wurde sie – nach Herausgabe der neuen Generalstatuten - „Provinz“.


Wichtig ist hinzufügen: Während der ersten Phase des Afrikaprojekts entwickelte sich auch die franziskanische Familie. In jedem Land der Vizeprovinz gab es Klarissen (eine letzte Gruppe Klarissen kam aus England nach Bungoma, West-Kenia), die alle gute Kontakte zu den Brüdern pflegten. Br. Josep M. Massana war viele Jahre Animator der französisch sprechenden Klarissen in Afrika.


Im Jahr 1989 gab es ferner 36 Gemeinschaften franziskanischer Brüder und Schwestern des Regulierten Dritten Ordens, darunter einige afrikanische Gründungen, die die Brüder seelsorglich betreuten. Hinzu kam: Wo immer Brüder tätig waren, entstanden Fraternitäten Franziskanischer Laien-Gemeinschaften (Dritter Orden). Besonders erwähnt sei das starke Wachsen des Franziskanischen Weltordens in Tansania, dank des unermüdlichen Einsatzes von Br. Valerio Berloffa, und in Malawi durch die Arbeit von Br. André Comtois.


Dank der Unterstützung der Brüder, verbreitete sich auch das Säkularinstitut der Missionarinnen des Königtums Christi (1919 in Italien durch Br. Agostino Gemelli OFM gegründet) durch ganz Afrika, besonders in Malawi, Burundi und Ruanda. Ein großer Animator der franziskanischen Familie war Br. Heinrich Gockel, der die Beziehungen zwischen den Franziskanischen Kongregationen in Kenia wie auch in anderen englisch-sprechenden Ländern Afrikas durch das Studium des „Grundkurs zum franziskanisch-missionarischen Charisma“ (CCFMC) stärkte. Aufgrund des gemeinsamen Bemühens um das franziskanische Missionscharismas entstand in Kenia die „Franciscan Family Association“ (FFA). Sie konnte 2001 in Nairobi das Studien-Zentrum „Portiuncula“ einweihen. 


Siehe: www.ofm-eastafrica.org


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